Dienstag, 24. Oktober 2017
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Wichtigkeit der Erscheinungen (P. René Laurentin)

Hier nun ein Auszug aus einer sehr interessanten ausgezeichneten Einführung von Abbé René Laurentin aus seinem Buch « Dictionnaire des "apparitions" de la Vierge Marie » (mit einem Geleitwort von Kardinal Echegaray; Buch nur auf Französisch erhältlich; dt. Titel wäre in etwa: ’Wörterbuch der ’Erscheinungen’ der Jungfrau Maria’). Er zeigt uns mit großer Klarheit und immer wohl auf der Heiligen Schrift, sowie auch auf den Traditionen der Kirche begründet, dass die Erscheinungen « eine große unumstößliche Wichtigkeit » haben, ob das auf der Stufe "Kirche", im sozialen oder wissenschaftlichen Bereich sei :

1. Im Leben der Kirche

Trotzdem sie abgewertet werden, haben die Erscheinungen eine große unumstößliche Wichtigkeit, in der Kirche, auf vielen Stufen, wie auch in mehrfacher Hinsicht.

1) Die Bibel ist ein ’Stoff’ aus Erscheinungen und Visionen, so haben wir uns am Anfang dieser Einführung erinnert: Sie sind sogar dessen ’Gerüst’. Das Neue Testament beginnt mit der Erscheinung eines Engels beim Priester Zacharias (Lk 1, 5-23), der Botschaft des Engel Gabriels an die Jungfrau Maria (Lk 1, 25-38) und diejenige eines Engels des Herrn an die Hirten an ’Weihnachten’ (Lk 2, 8-19). Die Verklärung Christi wird von der Erscheinung des Mose und des Elija (Mt 17, 3) begleitet - ein Engel kommt und unterstützt Jesus in seinem Todeskampf (Lk 22, 43).

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Giotto - Basilica inferiore (Assisi)

Noch mehr, trotz der statutarischen Abwertung der Erscheinungen, werden die sichtbaren Offenbarungen des auferstandenen Christus im Kreise seiner Apostel (obwohl sie im Verhältnis zu den anderen, in phänomenologischer und psychologischer Hinsicht, so ähnlich erscheinen) sogar als die Grundlage des Glaubens gehalten, gemäß dem Apostel Paulus (1 Kor 15, 1-53). Man kann sich fragen, ob es nicht eine gewisse "Forcierung" gibt, ja sogar eine Unlogik zwischen der systematischen Abwertung der aktuellen Erscheinungen und der dogmatischen Aufwertung jener des auferstandenen Christus (den Erscheinungen, die die Apostel bezweifelten : Lk 24, 11 und Mk 16, 11; Lk 24, 16.37-38; Joh 20, 25-28; Mt 28, 17; Joh 21, 5; Apg 20; MK 16, 14; wir zitieren diese Verse in der chronologischen Reihenfolge der aufeinanderfolgenden Zweifel, vom Morgen des Passah bis zur Himmelfahrt Christi) - dies sei gesagt, ohne ihre Verschiedenheit zu verkennen.

Die Erscheinungen von Christus bestimmen auch die Geschichte der aufkeimenden Kirche von Stephanus (Apg 7, 56) bis zu Petrus und anderen, gemäß der Apostelgeschichte.

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Karl Rahner
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Yves Congar

Die Priester Rahner und Congar haben sich gegen die einseitige Abwertung der klassischen Theologie gewehrt. Die Erscheinungen zu Ostern haben sicher eine grundlegende Aufgabe, aber in phänomenologischer und psychologischer Hinsicht präsentieren sie sich mit den gleichen zerbrechlichen Charakteren : sensible, überraschende Wahrnehmung. Sie haben sich manchmal etwas von den Zweifeln der Apostel ’ausgeborgt’, betont das Evangelium, wegen der menschlichen Schwäche.

2) Die Erscheinungen der Jungfrau haben die größten Heiligtümer und Wallfahrts-Orte der katholischen Kirche begründet (ausgenommen Rom) : Guadalupe in Mexiko (über 10 Millionen Pilger pro Jahr), Aparecida in Brasilien, die ’rue du Bac’ (in Paris), Lourdes (fünf Millionen Pilger pro Jahr), Fatima, etc.

3. Die Erscheinungen haben sich in der Kirche fortgesetzt, durch all die Jahrhunderte hindurch, bis zum heutigen Tag, mit einer Vervielfachung wie nie zuvor - bis zur jetzigen Stunde.

4. Und noch mehr: In dieser neuzeitlichen Epoche (neuer Sachverhalt), haben mehrere Erscheinungen eine prophetische Wichtigkeit, geschichtlich und kulturell, unleugbar, dauerhaft und bemerkenswert :

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Guadalupe
  • Guadalupe wird von den akademischen Historikern, unabhängig vom Christentum (J. Lafaye) als die Grundlage der Kultur und der Misch-Zivilisation der Neuen Welt angesehen : Der katholische Kontinent, in dem die Hälfte der Getauften der römischen Kirche wohnen.
  • Die wundertätige Medaille, ein nationales Ereignis (für Frankreich), bewahrt bis auf den heutigen Tag eine internationale charismatische und missionarische Bedeutung. Mehr als eine Milliarde von diesen Medaillen wurden im 19. Jahrhundert und noch mehr im 20. Jahrhundert geprägt.
  • ’La Salette’ (1846) hat große ’Geister’ auf den Plan gebracht : Pius IX. befürwortet die Anerkennung dieser Erscheinung; Leo XIII. anerkannte und unterstützte Mélanie in ihren Drangsalen und ihrem Exil; viele Bischöfe, Heilige, die heute selig oder heilig gesprochen sind (Don Bosco, den Hl. Annibale di Francia, der Mélanie als Mitbegründerin nahm) - und eine ’Legion’ von bedeutenden Autoren im 20. Jahrhundert : Arthur Rimbaud, Léon Bloy, Jacques Maritain, Paul Claudel und Louis Massignon (M. Corteville und R. Laurentin, Le Secret de la Salette (Paris, 2002, 123-143; Titel übersetzt: ’Das Geheimnis von la Salette’).
  • Lourdes hat den Vorrang der Armen nach dem Evangelium wieder einen Wert gegeben, zu einer Zeit, in der die Wahlmöglichkeiten und staatsbürgerlichen Fähigkeiten nach dem Maß der Einkünfte bemessen war, nach dem gekünstelten Motto : « Bereichert-Euch » (Guizot). Bernadette Soubirous gehörte der ärmsten Familie der Stadt an; die Polizisten hatten ihren Vater verhaftet, aus dem einzigen Grund, dass « sein erbärmlicher Zustand » ihn « mutmaßlich schuldig » an dem Diebstahl von Mehl beim Bäcker Maisongrosse machte (Actes du procès, 1856 (’Prozessakten’)).
  • Fatima hat seit 1917 den Zerfall des aufkeimenden Kommunismus und das Ende der Verfolgungen prophezeit. Pius XII. und Johannes Paul II. haben sich dieser Botschaft untergeordnet, bei mehreren Gelegenheiten. Sie haben den Aufforderung an alle Bischöfe erlassen, gleichzeitig die Weihe, die Lucia verlangt hatte, zu machen - und haben andere Zusagen gegeben, die es zuvor noch nie gegeben hatte, indem sie (es ist wahr, durch Dritte) die Vision der Sonne im Garten des Vatikans (Pius XII.) und das « Geheimnis von Fatima » (Johannes Paul II) enthüllt hatten.

5) Für die Seher haben die Erscheinungen und die Missionen, die sie daraus empfangen einen geistigen ’Gründungs’-Wert, manchmal durch ihre Heiligsprechung gekrönt. Sie sind an der Quelle zahlreicher Bekehrungen, Heilungen, Institutionen, Heiligtümern : Der Heilige Juan Diego (Mexiko), die Heilige Catherine Labouré, Heilige Bernadette, die seligen Francisco und Jacinta, aus Fatima.

Sie verbleiben in der Kirche und in der Welt: Sie haben eine geschichtliche, nationale und internationale Bedeutung. In Frankreich bleibt die fromme Persönlichkeit von Jeanne d’Arc die - am weitesten verbreitete - bekannte, von der extrem Rechten zur extrem Linken Seite, bis zu dem Punkt an dem die "Front National" und die "Parti communiste" wetteiferten, um sie auf ihren gleichzeitig stattfindenden 1. Mai - Kundgebungen zu Pferd vorbei zu galoppieren zu lassen. Hätte man eine richtige Vorstellung von Erscheinungen, wenn man diese Paradoxe außer Acht lässt ?

2. Auf dem sozialen Niveau

Die Erscheinungen haben große Auswirkungen im öffentlichen Leben eines jeden Standes ausgelöst. Lourdes hat den Verlauf des Eisenbahnnetzes in den Süden Frankreichs bestimmt. Die marxistische Regierung von Jugoslawien hat sich radikal gegen die Erscheinungen von Medjugorje gestellt; trotzdem hat man die nationale Nützlichkeit begriffen, bis zu dem Punkt, dass man den Aufbau eines Flughafens in der Nähe in Betracht gezogen hat.

Lourdes bleibt ein Geysir der Kreativität: sie hat die Reise von Gelähmten, Kranke die dauernder Dialyse bedürfen oder die Lungenkrankheiten haben, von Blinden, Geistesgestörten usw. in umfangreichem Maße, mit unermesslichen Wohltaten für die Menschen gefördert; darin inbegriffen sind Medikamente. Jedes Jahr werden Tausende von Sanitätern, Krankenschwestern, Ärzte ’bereitgestellt’ : Sie zahlen die Kosten für ihre Reise, beweisen ihre Hingabe, die ermüdend und unentgeltlich ist, während den Ferien.

3. Auf wissenschaftlichem Niveau

Die Erscheinungen haben ein wissenschaftliches ’Gütesiegel’ erhalten. Die Prüfung der Seher durch ein Elektro-’Enzephalogramm’ (Anmerkg. der Übersetzung: EEG - Hirnstrombild), die ich in Europa im Jahre 1984, dann in Nord- und Südamerika herbeigeführt habe, hat das Wissen, welches man über die Ekstase hatte, revolutioniert. Charcot (1825-1893), hat als erster Mediziner den Versuch einer wissenschaftlich-experimentellen Studie über dieses Phänomen gemacht, indem er bei den Hysterikern (im Spital ’de la Salpêtrière’, welches von Freud häufig besucht wurde) die Abblendung durch Hypnose provoziert und dies genau beschrieben hatte, und es infolgedessen als ein hysterisches Phänomen betrachtete. Sehr viele Theologen akzeptierten diese Diagnose aus Ehrerbietung an « die Wissenschaft », in gänzlicher Unkenntnis des charakteristischen christlichen Werts, die diese Phänomene seit Jahrtausenden hervorrufen. Gleichartige Tests ermitteln heute, dass die authentische Ekstase in sich nicht pathologisch (krankhaft) ist, bei den auf höchstem Niveau getesteten Sehern.

Diese neue Wechselwirkung zwischen den zeitgenössischen Wissenschaften und den Erscheinungen, würde dazu einladen, diese Ergebnisse viel mehr einzuarbeiten und zu berücksichtigen, als ein menschliches Phänomen, nicht nur medizinisch gesehen sondern auch psychologisch (das würde auch den Bereich der Psychoanalyse, der religiösen Soziologie, der Geschichte der Mentalität und der Völkerkunde ’aufwerten’).

Kein Phänomen war von der wissenschaftlichen Prüfung ausgeschlossen worden, und bevor alle so uneingeschränkt wie möglich geprüft werden, wäre es nicht besser, den Gegensatz zwischen dieser Wichtigkeit, de facto, der Erscheinungen (auf Kosten einer unermesslichen Literatur) und ihrer Abwertung oder Ausgrenzung, die wir beobachten, zu klären ?

Dieses ’Abseits stellen’, aus der vielseitigen Mehrdeutigkeit des Phänomens heraus, ruft aus nach einer Bewältigung, ebenso sehr wie der radikale Widerspruch zwischen den Weltanschauungen der Kirche und deren der Wissenschaft überholt ist.

Die Wissenschaften haben ihre Reife erlangt, indem sie sich einzig an die Phänomene gebunden und indem sie die Ideologien zurückgewiesen haben; und indem sie sich an das Studium des Mechanismus gehalten haben, als ein System komplexer Beziehung. Das hat der Sinnspruch von Auguste Compte (1844) prophezeit; wieder aufgegriffen von Henri Poincaré bis zu Olivier Costa de Beauregard : « Alles ist relativ, und das alleine ist absolut. »

Comte sagte es in einem rein relativistischen Sinne; aber andere bevorzugen es zu sagen : « Alles ist Beziehung... »

Als Costa de Beauregard mir diesen Sinnspruch geäußert hatte, war ich davon ergriffen und ich habe ihm geantwortet : « Aber, dies ist die schönste Formulierung der Heiligen Dreifaltigkeit, denn, nach der biblischen Offenbarung ist Gott die Liebe, Er ist deshalb Beziehung und diese Beziehung ist absolut (uneingeschränkt). »

Auf dem Niveau des ’Weshalb’ und des ’Existenziellen’ (aus wissenschaftlicher Sicht), hat die Beziehung der erhabenen Liebe auf menschlicher und anthropologischer Ebene seinen Ursprung, seine Vorlage und seinen Begriff in der absoluten Liebe des Schöpfers : Die Theologie schreitet voran und vereinigt sich in dem Masse, indem, von da ausgehend, sie versteht, dass alles auf diesem Gebiet Beziehung ist. Die Beziehung ist der ’Begriffs-Schlüssel’, der bereits seine Einheit gemacht hat und der es noch mehr tun muss; eine entwickelte Idee, in meiner ’Traité de la Trinité’, (dt. Abhandlung über die Dreieinigkeit).

Dieser kulturelle Zusammenschluss der Wissenschaften und der Theologie unter dem analogen, universellen und transzendentalen Konzept der « Beziehung » lädt nicht nur zu einer Versöhnung zwischen der Wissenschaft und der Theologie ein, sondern zu einem gemeinsamen Nachdenken nach diesem selbigen operationellem Konzept der « Beziehung »; Deshalb ist einer der Artikel von diesem Dictionnaire (Wörterbuch) der Beziehung gewidmet, um die Erscheinungen in dieser universellen Perspektive, auf seinen verschiedenen Niveaus, einzuordnen : wissenschaftlich, theologisch und philosophisch. Dies sei gesagt, ohne die Ungleichartigkeit der Methoden, Zuständigkeitsbereiche und die bereits erwähnten Ebenen der Reflexion zwischen diesen verschiedenen Disziplinen auf die gleiche Ebene zu stellen; obwohl die Offenbarung kulturell ein äußerlicher Faktor in der Evolution der Philosophie, und auf eine entferntere Weise, der Wissenschaften, gewesen war.

Man kann dem zugrundeliegenden Problem bei einem solchen Nachweis nicht entfliehen : Die Voraussetzungen die jegliche wissenschaftliche und rationale Wissenschaft entscheidend beeinflussen, besonders über die Erscheinungen.

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